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Otto-Ubbelohde-Preis 2008

Marburg, 27. Mai 2008

Pressemitteilung 217/2008

Feierliche Verleihung des Otto-Ubbelohde-Preises 2008
im Schloss in Biedenkopf

Preisträger 2008 sind Brunhilde Heß, Erich Frankenberg und
die Arbeitsgruppe Oberaspher Juden
 

Marburg-Biedenkopf – „Zum zweiundzwanzigsten Mal seit 1987 wird in diesem Jahr der Otto-Ubbelohde-Preis verliehen. Die sehr hohe Anzahl von 61 größtenteils sehr guten Bewerbungen in diesem Jahr zeigt dem Kreisausschuss und der Jury, dass der Preis nach wie vor sehr begehrt ist. Er stellt die höchste Auszeichnung des Landkreises im Kulturbereich dar“, sagte Landrat Robert Fischbach bei der Verleihung des Otto-Ubbelohde-Preises. Die heutigen Preisträger eingerechnet haben seit 1987 insgesamt 25 Gruppen und Vereine sowie 65 Einzelpersonen den Otto-Ubbelohde-Preis verliehen bekommen.

Die Jury hatte auch in diesem Jahr die Qual der Wahl aus den vielen guten Bewerbungen „nur“ drei Preisträger zu ermitteln. Die Jurymitglieder haben sich die Zeit genommen, alle Bewerbungen intensiv zu prüfen. Bei der Vielfalt an sehr guten, aber auch sehr vielseitigen Bewerbungen war das keine leichte Arbeit. Dafür bedankte sich Landrat Fischbach ausdrücklich. „Wenn die Zahl der Bewerbungen jedoch so hoch ist, heißt das positiv formuliert aber auch, dass wir noch viel Potenzial an würdigen Preisträgerinnen und Preisträgern für die nächsten Jahre haben“, so Fischbach. 

Mit der Verleihung des Preises wollen Kreistag und Kreisausschuss das Bewusstsein für die Erhaltung und Pflege der heimischen Kunst, der Denkmalpflege, der Geschichte und des Brauchtums sowie der Beschäftigung mit dem Werk Otto Ubbelohdes stärken. Unser Preis ist nicht nur eine Auszeichnung im Sinne der Anerkennung ehrenamtlicher und künstlerischer Arbeit, sondern weist auch auf beispielgebende Initiativen und Arbeiten hin. Nicht zuletzt soll der Preis natürlich auch ein Ansporn für die Preisträger sein, ihren Weg fortzusetzen, was wir uns natürlich auch von diesjährigen Preisträgern erhoffen. „Ich glaube für die Gremien des Landkreises sagen zu können, dass dieser Preis für die Ausgezeichneten einen sehr hohen ideellen Wert hat, aber auch für den Landkreis eine hervorragende Möglichkeit bietet, Frauen, Männer, Vereine und Gruppen sowie Initiativen auszuzeichnen, die sich in besonderer Weise engagiert haben oder aber sich durch ihre künstlerische Leistung hervorgetan haben“, so der Landrat. Für alle Preisträger gelte sicherlich etwas, was er kürzlich als Zitat gelesen habe. Der in San Diego lebende, vor elf Jahren verstorbene Prof. Dr. Viktor Frankl habe als Arzt und Philosoph folgendes sehr treffend formuliert: „Wahrscheinlich hilft nichts einem Menschen mehr, Schwierigkeiten zu überwinden oder zu ertragen, als das Bewusstsein, eine Aufgabe im Leben zu haben.“ In diesem Sinne wünschte er den Preisträgern auch künftig eine erfolgreiche Arbeit.

Den Festvortrag unter dem Titel „Otto Ubbelohde und sein Bild von der Heiligen Elisabeth“ hielt Dr. Margret Lemberg, die angereichert mit schönen Beispielen aufmerksam machte, dass Otto Ubbelohde die heilige Elisabeth nicht nur in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm als Motiv aufnahm, sondern sie auch in ganz anderen Zusammenhängen zeigte. Die Veranstaltung wurde musikalisch umrahmt vom Hessen-Quartett.

Ausführliche Informationen zu den einzelnen Preisträgern:

Brunhilde Heß aus Wetter
Brunhilde Heß, vielen besser bekannt als Bruno Heß hat sich im Kulturbereich und hier speziell in der Theaterarbeit in der Stadt Wetter inklusive der Stadtteile in hohem Maße engagiert. 1987 spielte sie erstmals im historischen Grenzegangsfestspiel mit. Im gleichen Jahr war sie Mitbegründerin des Theater- und Festspielvereins Wetter. Seitdem war sie bis 1998 im Theaterverein unter der Leitung des Theaterwissenschaftlers Dr. Joachim Hintze in verschiedenen Funktionen tätig, hauptsächlich als Schauspielerin, Disponentin und in der Kostümarbeit. Es folgten sieben Theaterrollen. Nach Jahren intensiver Theaterarbeit begann sie - erst im kleineren Rahmen - eigene Stücke zu schreiben und zu inszenieren, aufgeführt auf verschiedenen „Märchenmärkten" der Stadt Wetter. Ab 1995 erweiterte sie ihre Arbeit auf Stücke größeren Umfanges, sie schrieb und inszenierte folgende Stücke:

1995 das Kindertheater-Stück „Gefahr im Wald", 1997 „Eine Spur von Geist", 1998 das Musiktheater-Stück „Caruso, Der Dichterrabe, 2000 „Rapunzel", 2001 „Ein Verein stellt sich vor", Kleines Kabarett zur Vereinsgründung der Turmwerkstatt - Kultur im Dorf in Amönau, 2002 das Musical „Suaine" Die Wasserfrau, 2003 das Open-Air-Volksstück aus der Franzosenzeit „Die Lumpensammlerbande", 2004 das Musical „Los Banditos", 2006 das Musical „Ciella aus den Wolken", 2007: das Sommertheater „Leibchen, Liebe, Chewing Gum" in Oberrosphe, sowie demnächst „Wetteranus Est", das Festspiel zum Grenzegangsfest im August.

Diese lange Liste macht schnell deutlich, wie kreativ Frau Heß ist. Außerdem gelingt es hier auf hervorragende Art und Weise die Rollen mit den richtigen Schauspielern zu besetzen und sie wirkt daran mit, dass nicht „nur“ ein Theaterstück gespielt wird, sondern dass sich viele Menschen aus den jeweiligen Orten mit unterschiedlichsten Aufgaben dabei engagieren. Die fantasievollen Texte und Inszenierungen sowie insbesondere der Mut von Frau Heß, sich auch an schwierige Stücke bzw. schwierige Inhalte wie etwa den Umgang mit dem Nationalsozialismus auf den Dörfern heranzuwagen und diese auch eindrucksvoll unter Mitwirkung großer Teile der jeweiligen Dorfbevölkerung umzusetzen, sind der Grund für den Kreisausschuss und die Jury, dieses Engagement mit dem Otto-Ubbelohde-Preis 2008 auszuzeichnen.

Erich Frankenberg aus Biedenkopf
Auch Erich Frankenberg aus Biedenkopf ist gewiss kein Unbekannter im Landkreis. Seit vielen Jahren bringt er sich intensiv vor allem in die Tanz- und Trachtenpflege im Landkreis ein. Er engagierte sich bereits nach seiner Lehre in der Kulturarbeit innerhalb der DGB-Gewerkschaftsarbeit. Das nächste kulturelle Engagement Frankenbergs war die Arbeit im Biedenkopfer Grenzgang. Fünfunddreißig Jahre Einsatz, davon 7 Jahre als Fahnenträger und 28 Jahre als Führer einer Männergesellschaft stehen für einen großen Beitrag zum historischen Biedenkopfer Heimatfest.

Von seinen Töchtern animiert, widmete sich Frankenberg ab 1986 voller Elan der Trachten-, Tanz- und Brauchtumsarbeit in der Hessischen Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege. Erich Frankenberg wurde im Jahre 1987 zum Nachfolger der bekannten Gründerin des Vereins Irmgard Bartoschik gewählt. Von nun an kümmerte sich Frankenberg zusammen mit einem engagierten und kompetenten Vorstandsteam um die Kinder-, Jugend- und Erwachsenarbeit in der Biedenkopfer Trachtentanzgruppe. Mit der Übertragung des „Landeskindertrachtentreffens 1989" wurde diese Arbeit vom Verband eindrucksvoll gewürdigt. Schwerpunkte dieser Arbeit waren die Kinder- und Jugendarbeit, die Vermittlung der Werte und Bedeutung rund um die Tracht und besonders der Ausbau der internationalen Beziehungen. Kontakte nach Ungarn fanden bereits 1987 statt. Dank dieser Kontakte und Begegnungen besteht seit 1999 eine Gemeindepartnerschaft zwischen Biedenkopf und Kecsked. Weitere „Internationale Begegnungen wurden von Frankenberg in der Folgezeit organisiert und durchgeführt. Die Besuche in den Gastländern folgten immer auch Gegenbesuche in Deutschland. So waren es überwiegend Kinder und Jugendliche, die als „Kulturelle Botschafter Deutschlands, Hessens, des Landkreises und der Stadt Biedenkopfs" wirkten. Höhepunkt dieser internationalen Arbeit war zweifellos die Vertretung Deutschlands bei der Fußball-WM 2002 in Süd-Korea. Aber auch die Reisen nach Belgien, England, Schottland, Spanien, Portugal, Schweden, Norwegen, Finnland, USA, Brasilien, Puerto Rico, Russland, um nur einige zu nennen, dienten der Völkerverständigung und dem besseren Verstehen andere Kulturen und Sitten.

Als ausgebildeter Tanzleiter gab Erich Frankenberg seine Erfahrungen und Kenntnisse an zahlreiche Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-trachtentanzgruppen weiter. So unter anderem an Gruppen aus Obereisenhausen und Biedenkopf, wobei ihm die Kinder- und Jugendarbeit besonders am Herzen lag. Die von ihm ins Leben gerufenen „Hinterländer Kinder-Trachtentage" waren ein Ausdruck dieser Kinder- und Jugendarbeit. Erich Frankenberg wurde 1995 Bezirksleiter Mitte. Dieses Amt hatte er bis 2007 inne. Mit der Herstellung einer CD unter dem Titel „Fast vergessen .... wiederentdeckt" retteten die Mitglieder um Erich Frankenberg zahlreiche Tänze, Tanzbeschreibungen und Noten vor dem Aussterben. Die Vergabe wichtiger Landkreis-, Hessen- und Bundesveranstaltungen an den HVT-Bezirk Mitte waren ein Ausdruck der Wertschätzung. Erwähnen sollte man hier das „1. Deutsche Trachtenfest in Marburg und im Landkreis 1996", der „1. Deutsche Trachtentag in Marburg und in Dautphetal" aber auch die Veranstaltungen „Tag der Tracht" und „Tag des Tanzes" fanden überörtliche Anerkennung und Beachtung. Im Trachtenhandbuch „Wie sei mer da gemostert" bieten Frankenberg und sein Team interessierten Trachtenfreunden aber auch den Gruppen- und Tanzleitern und den über 6500 Mitgliedern des HVT-Bezirks praktische Hilfe und Informationen. Neben diesen Schwerpunkten hat sich Erich Frankenberg in vielen Dingen um die Entwicklung der „Volkskultur" verdient gemacht. Für dieses großartige Engagement im Bereich der Brauchtums-,- Tanz- und Trachtenpflege wird Erich Frankenberg mit dem Otto-Ubbelohde-Preis 2008 ausgezeichnet.

Arbeitsgruppe Oberaspher Juden aus Münchhausen-Oberasphe
Im heute 350 Einwohner zählenden Dorf Oberasphe lebten früher bis zu sieben Familien jüdischen Glaubens. Zu Beginn der nationalsozialistischen Machtübernahme Anfang der 1930er Jahre gab es noch drei jüdische Familien mit insgesamt zweiundzwanzig Personen. Fünfzehn von ihnen verloren im Holocaust ihr Leben. Einige der sieben Überlebenden emigrierten nach Kriegsende in die USA. Heute leben in Oberasphe keine Menschen jüdischen Glaubens mehr.

Die Arbeitsgruppe Oberaspher Juden hat sich mit der Geschichte der jüdischen Einwohner vor, während und nach dem „Dritten Reich" beschäftigt. Dazu wurden umfangreiche Akten- und Archivrecherchen sowie Interviews mit Zeitzeugen durchgeführt und Kontakt mit den in den USA wohnhaften Überlebenden aufgenommen. Den Anstoß zu dieser Arbeit gab ein Kurs der Volkshochschule Marburg-Biedenkopf im Jahr 1992 mit dem Titel „Sie waren Nachbarn … Das Leben der Juden im alten Landkreis Marburg“.

Die Ergebnisse der über zehn Jahre andauernden Arbeit wurden in einem Buch mit dem Titel „Die Oberaspher Juden" im April 2006 veröffentlicht. Die Autoren waren Horst Wagner, Reiner Naumann und Mark Engelbach. Das Buch hat zum Ziel, die (fast) in Vergessenheit geratene Geschichte der so grausam verfolgten Nachbarn zu dokumentieren und für die Kinder und Enkel festzuhalten. Obwohl es heute bereits ein unüberschaubares Angebot an Literatur zum Holocaust gibt, so kann diese Forschung doch einen wesentlichen Beitrag leisten. Indem die Schicksale der ehemaligen Oberaspher Juden beschrieben werden, erhält die nicht vorstellbare Zahl der Holocaust-Opfer ein Gesicht. Für die nachfolgenden Generationen wird es wichtig und interessant sein, zu erfahren, welch prägender und bereichernder Bestandteil der Oberaspher Dorfgemeinschaft unwiederbringlich verloren gegangen ist. Den in den USA lebenden Angehörigen der Opfer wurde je ein Exemplar des Buches in deutscher und in englischer Sprache zugesandt, so dass auch deren Kinder und Enkel die Geschichte ihrer Groß-(Eltern) nachlesen können. Das Buch wurde in allgemeinverständlicher Form geschrieben, sollte aber dennoch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Als Abschluss des Projekts soll in nächster Zeit eine Gedenkeinrichtung für die jüdischen Opfer errichtet werden.

Selbst in kleineren Dörfern können mit Beharrlichkeit und festem Willen Aufarbeitungen zur dunklen Geschichte unserer Nation durchgeführt werden. Das Beispiel Oberasphe zeigt, dass das nicht nur möglich ist, sondern auch gut und nachvollziehbar umgesetzt werden kann. Der Kreisausschuss und die Jury wollen mit der Verleihung des Otto-Ubbelohde-Preises 2008 an die Arbeitsgruppe Oberaspher Juden deutlich machen, dass ein solcher Einsatz vom Landkreis gewürdigt wird.


Im kreiseigenen Schloss in Biedenkopf wurde der Otto-Ubbelohde-Preis 2008 im Rhamen einer Festveranstaltung verliehen: Landrat Robert Fischbach, Brunhilde Heß, Erich Frankenberg, Horst Wagner und Reiner Naumann. Foto: Landkreis
 

Im kreiseigenen Schloss in Biedenkopf wurde der Otto-Ubbelohde-Preis 2008 im Rhamen einer Festveranstaltung verliehen (v.l.n.r.): Landrat Robert Fischbach, Brunhilde Heß, Erich Frankenberg, Horst Wagner und Reiner Naumann (Mark Engelbach konnte an der Verleihung nicht teilnehmen). Foto: Landkreis